Wolfgang Tillmans

23. September - 12. November 2017
Liz Magor, Tray (Stacked Lotus), 2007, Courtesy of the artist and Cartiona Jeffries, VancouverLiz Magor, Tray (Stacked Lotus), 2007, Courtesy of the artist and Cartiona Jeffries, Vancouver

Der Kunstverein in Hamburg zeigt zu seinem 200. Jubiläum eine Einzelausstellung von Wolfgang Tillmans (*1968, Remscheid, lebt und arbeitet in Berlin und London) mit einer neuen Arbeit, die – konsequent aus den vergangenen 30 Jahren seines Schaffens entwickelt – die verschiedenen Aspekte seines Werks und seines Denkens in ein räumliches Ganzes überführt, das erstmalig nicht hauptsächlich von der Fotografie getragen ist.

Es ist sinnvoll, dies in Hamburg zu tun. Wolfgang Tillmans hat hier 1988 im Café Gnosa das erste Mal ausgestellt, trat 1998 an der HfbK Hamburg seine erste Professur an und 2001 richteten ihm die Deichtorhallen die erste Überblicksausstellung aus. 2016 hat Tillmans zudem seine erste musikalische Arbeit herausgebracht: die Platte 2016 / 1986 EP, deren erste Stücke vor 30 Jahren aufgenommen wurden, als er zum Zivildienst von Remscheid nach Hamburg zog. Die Zahl 30 spielt überhaupt eine große Rolle, blickt der Künstler doch auf 30 Jahre künstlerisches Schaffen zurück, entdeckt Parallelen und Suchbewegungen, erinnert sich an künstlerische Selbstwahrnehmungen und Selbstverortungen. Nach zwei großen retrospektiv angelegten Ausstellungen dieses Jahr in der Tate Modern, London, und der Fondation Beyerler in Riehen bei Basel nutzt Wolfgang Tillmans das Format Kunstverein dazu, seinen und den Status quo unserer Gesellschaft persönlich, aber nicht autobiografisch zu reflektieren. Zwischen 1943 und 1973 lagen 30 Jahre. 30 Jahre nach 1973 war das Jahr 2003, der Titel der Ausstellung entstammt der Arbeit There were 30 years between 1943 and 1973. 30 years from 1973 was the year 2003 von 2004. Die ersten zwei Jahreszahlen sind auf Briefmarken auf dem Motiv der Einladung zu lesen und verweisen auf zwei Epochen deutscher Geschichte: das Deutsche Reich und die alte Bundesrepublik. Für jemanden, der 1968 in Westdeutschland geboren wurde, sind dies die Eckdaten, die das Heranwachsen begleitet und auch definiert haben. Es sind Daten, die viel über das heutige Deutschland aussagen, darüber, warum wir dort sind, wo wir jetzt stehen.

Für den Kunstverein in Hamburg realisiert Tillmans eine raumfüllende Installation, die vom Ort ausgehend den speziellen Charakter der benachbarten alten Markthalle wie auch deren außenliegenden urbanen Kontext zum Ausgangspunkt nimmt, um sein zunehmend gesellschaftspolitisches Engagement neu zu artikulieren. Raum und skulpturales Denken sind, wie gerade in den präzise inszenierten Ausstellungen der letzten Jahre deutlich wird, ein zentrales Element im Werk von Wolfgang Tillmans und erfahren hier eine neue Dringlichkeit. Speziell für den Kunstverein hat er eine Vier-Kanal-Soundarbeit geschaffen, die seiner Beobachtung zu Grunde liegt, dass „wenn ich im großen Saal stehe, ich immer eine sehr starke akustische Wahrnehmung der Außenwelt, Straße und Schiene, habe, gerade weil ich diese durch die hohen Fensteransätze nicht sehen, sondern nur hören kann“. Der Anspruch seiner Fotografie wird auf die Medien Sound und Video übertragen, welche kombiniert werden mit den Tischen Truth Study Centre (Time / Mirrored), die die Idee des Ausstellungstitels, der Spiegelung von historischen Zeitabständen, in einzelnen auf Papier gedruckten Sätzen fortsetzen. Die Präsenz einer kleineren Anzahl großformatiger, bisher ungezeigter Fotografien signalisiert, dass der Künstler, sich nicht von der Fotografie abwendet, sondern die oben beschriebenen Denkprozesse auch in der Befragung seines angestammten Mediums weiterverfolgt. Die einzelnen Komponenten sind nicht neu, aber die genau choreografierte, räumliche Zusammenstellung weist in Richtung einer anderen Fokussierung, in der die Vergangenheit wie das Hier und Jetzt zum Ausgangspunkt einer gesellschaftlichen, einer politischen Debatte werden.

Sensibilität, Offenheit und Neugierde haben in Tillmans’ fotografischem Werk immer das Aufbrechen von Hierarchien und Denkmustern evoziert. Mit den neueren räumlichen Setzungen erweitert er diesen Anspruch deutlich, denn es kommt eine neue Dringlichkeit ins Spiel, die vom Künstler selbst vorgelebt wird. Die Teilnahme eines jeden am demokratischen Prozess wird nicht nur als notwendig, sondern auch als möglich kommuniziert. Das derzeit vorherrschende Unbehagen am eigenen Tun, die Frage nach den Konsequenzen und die daraus resultierende Verlegenheit, aber auch Ehrlichkeit werden über das eigene künstlerische Tun zu einer eindrücklichen persönlichen wie politischen Aussage.

Die Ausstellung entsteht mit freundlicher Unterstützung der Behörde für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg und der Winter Stiftung.