Liz Magor - you you you

1. Juli - 3. September
Liz Magor, Tray (Stacked Lotus), 2007, Courtesy of the artist and Cartiona Jeffries, VancouverLiz Magor, Tray (Stacked Lotus), 2007, Courtesy of the artist and Cartiona Jeffries, Vancouver

Der Kunstverein in Hamburg zeigt die erste deutsche Einzelausstellung der kanadischen Bildhauerin Liz Magor (*1948, Winnipeg, Kanada, lebt und arbeitet in Vancouver). Die Künstlerin hat im Verlauf ihrer über vierzig Jahre umfassenden Karriere immer wieder die Grenzen dessen, was Skulptur und Plastik ausmacht, ausgelotet und gehört zu den prägendsten KünstlerInnen Kanadas. Ihre Arbeiten sind heute ein wichtiger Bestandteil der internationalen Materialismusdebatte in der zeitgenössischen Skulptur. Sie nimmt sich der gewöhnlichen und vertrauten Dinge unserer Welt an und verwendet sie in ihren Installationen entweder als Readymades oder formt sie mit anderen Materialien nach. Die Überführung in den Kunstkontext befragt gleichermaßen das Verhältnis von Kunst und Alltag sowie von Wirklichkeit und Repräsentation. Durch bewusst gesetzte Leerstellen und Inszenierungen entwickeln Magors Arbeiten ein narratives Potenzial, das sich mit der literarischen Form der Kurzgeschichte vergleichen lässt - ohne Anfang und Ende sind es Ausschnitte einer übergeordneten Erzählung von den sozialen Nebenschauplätzen unserer heutigen Leistungsgesellschaft. Die Ausstellung vereint Skulpturen und Installationen der Künstlerin der letzten drei Jahrzehnte.

Liz Magor ist fasziniert von der Produktions- und Wertschöpfungskultur, also von den Konsumgütern, zu denen die Menschen eine bekanntermaßen ambivalente Beziehung hegen. Sie macht Abgüsse von allen möglichen abgelegten und unterschätzten Gegenständen, von Spielzeugen über Zigaretten bis hin zu Baumstämmen, und kombiniert sie mit Fundstücken aus der Alltagswelt, um Fantasien über Verlust und oberflächlichen Glanz anzuregen. Das Zusammenspiel der Materialien verdreht die Wertigkeiten. Die abgenutzten Teile vom Flohmarkt sind kaum von den von ihr angefertigten Skulpturen zu unterscheiden, das heißt, Objekt und Skulptur gehen direkt ineinander über. Was besitzt nun welchen Status? Oder, wie Beate Scheder in der taz formulierte: „Was hat welchen Wert und warum? Was machen die Dinge mit uns und wir mit ihnen?“

Indem sie seriell arbeitet und mehrere Abgüsse derselben Form nebeneinanderstellt, um sie dann durch das Hinzufügen von Massenware wieder voneinander zu differenzieren, konterkariert sie das derzeitige Streben nach Individualismus. Sie selbst sagt dazu: „Die Horrorvorstellung, keine besondere Identität zu haben, prägt unsere Wahrnehmung von Produktion, Wirtschaft und Gesellschaft.“

Die Wiederentdeckung von Magors Oeuvre in Europa steht in Verbindung mit einer jungen Künstlergeneration, für die die Selbstreferenzialität von Materialien und die Wirkmächtigkeit von Objekten entscheidende Elemente in ihrer Kunstproduktion darstellen. Im Kontext des «material turn» ist an der Arbeit von Magor interessant, dass sie der materiellen Welt bei der Entwicklung gesellschaftlicher Strukturen eine maßgebliche Rolle beimisst. Werk und Arbeitsweise – wie z.B. der Verzicht auf jegliche Form von Sockeln – stehen für eine Tendenz in der Bildhauerei, in der die Betrachter permanent gefordert sind, subjektive Wahrnehmung und Erkenntnis mit dem realen Leben abzugleichen.

Liz Magors Arbeiten wurden international in verschiedenen Einzelausstellungen gezeigt – u. a. in: Musée d’art contemporain de Montréal (2016); Centre d’art contemporain d’Ivry – le Crédac, Paris (2016); Art Gallery of Ontario (2015); Peep-Hole, Mailand (2015); Presentation House Gallery, Vancouver (2014); Henry Art Gallery, Seattle (2008); The Power Plant, Toronto (2003). Liz Magor repräsentierte Kanada auf der Venedig-Biennale (1984) und nahm an der Documenta 8 in Kassel (1987) sowie an der Sydney-Biennale (1982) teil.

Zur Ausstellung erscheint eine Publikation.

Die Ausstellung wurde in enger Zusammenarbeit mit dem Migros Museum für Gegenwartskunst in Zürich konzipiert und in Partnerschaft mit dem Musée d'Art contemporain de Montréal und Nigel Prince realisiert. Sie entsteht mit freundlicher Unterstützung der Behörde für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg, der Botschaft von Kanada und wird gefördert von der Kulturstiftung des Bundes.